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  • Fünf Empfehlungen zu »LEA LUBLIN – Retrospective«, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München

  • Lea Lublin, Mon fils (Mein Sohn), 1968, Schwarzweißfotografie, Nachlass der Künstlerin / Courtesy Nicolas Lublin

  • Lea Lublin, Dissolution dans l'eau. Pont Marie 17 heures Performance, Paris, 11.März 1978, Nachlass der Künstlerin / Courtesy Nicolas Lublin, Foto: Nicolas Lublin

  • Ausstellungsansicht, 2015, Lea Lublin, L'atelier de Marcel Duchamp à Buenos Aires, 1990, Nachlass der Künstlerin / Courtesy Nicolas Lublin

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von Monika Bayer-Wermuth.

Lea Lublin war eine vielseitige und vielschichtige Künstlerin. Sei es Kunstgeschichte, Psychoanalyse, Schriften des Feminismus oder der Sprachsoziologie, bei Lublin bedarf es eines großen Handapparates. Es ergeben sich aber auch immer ungewöhnliche Nebenpfade, die einen erheitern, begeistern oder persönlich bereichern können. Monika Bayer-Wermuth ist wissenschaftliche Volontärin am Lenbachhaus und hat an der Ausstellung »LEA LUBLIN – Retrospective« mitgearbeitet. Dies sind ihre ganz persönlichen Literatur-, Film- und Musikempfehlungen auf den Nebenpfaden der Ausstellung:

1. Guillermo Gregorio: Otra Musica, 2000, Atavistic 2000.
Als Lublin in den 1960er Jahren von Argentinien nach Frankreich emigrierte, war der argentinische Musiker Guillermo Gregorio vermutlich gerade dabei diese Musik zu schreiben. Doch nicht nur die Schaffensphase im Argentinien der 1960er Jahre haben Gregorio und Lublin gemein. Lublin emigrierte nach Paris, einem der wichtigsten Zentren der Bildenden Kunst in den 1970er Jahren. Gregorio führte sein Weg ebenfalls nach Europa, allerdings zog es den Musiker in die Jazz-Szene Wiens, wo er mit dem Komponisten und Trompeter Franz Koglmann zusammenarbeitete. Und ein weiteres Schicksal ist ihnen gemein: Beide arbeiteten über Jahrzehnte hinweg in der Avantgarde, aber es hat lange gedauert bis sie außerhalb ihrer Szenen bekannt und ihre Arbeiten für ein breiteres Publikum sichtbar bzw. hörbar wurden. Für Gregorio fand dieser Punkt in den 1990er Jahren statt, als das Hat-Label kurz hintereinander gleich zwei Platten veröffentlichte. Bei Lublin hat es noch länger gedauert: Die Ausstellung im Lenbachhaus ist die erste Retrospektive der Künstlerin überhaupt. Im Gegensatz zu Gregorio hatte Lublin nicht das Glück dies noch selbst zu erleben.
Das Album »Otra Musica« erschien im Jahr 2000 und es hat damit, wie eingangs kurz angedeutet, etwas besonderes auf sich: Es ist nicht nur eine euphorisierende Mischung aus Jazz und Fluxus-Musik, die sich hier vorfindet, sondern es handelt sich um Gregroios Rekonstruktion seiner Sounds aus dem Argentinien der 1960er Jahre. Wer weiß, ob Lublin nicht auch eines seiner Konzerte in Buenos Aires besucht hat?

2. Cees Nooteboom: Paris, Mai 1968, Suhrkamp 2003.
Es war im Mai 1968 als sich Lea Lublin zusammen mit ihrem achtmonatigem Sohn Nicolas im Musée d’Art modern de la ville de Paris selbst ausstellte. »Mon fils«, mein Sohn, hieß ihre Aktion, bei der sie ihr Muttersein zum performativen Akt, zur Kunst erklärte und umringt von Werken von Chagall, Picasso oder Picabia ihren Sohn wickelte, ihm Wiegenlieder vorsang oder ihn in sein Bettchen legte, um sich angeregt mit Ausstellungsbesuchern zu unterhalten. Noch heute hat diese Aktion etwas Progressives und Einzigartiges. So wendet sich Lublin als Feministin gerade nicht mit einer dominanten Geste gegen die Gesellschaft und provoziert mit einer unerwarteten Maskulinität, sondern sie stellt gerade ihre Weiblichkeit, ihr Dasein als Frau und Mutter in Vereinbarkeit mit ihrer Arbeit als Künstlerin aus.
Zur selben Zeit außerhalb des Museums: Die Studentenmassen toben. Es gibt Unruhen, die Protestierenden wehren sich gegen die Bürgerlichkeit und verlangen nach Reformen im sozialen und politischen Bereich. Die Ereignisse dieser Tage im Mai 1968 in Paris sind zur Legende geworden. Ein Zeitzeuge, ein junger Journalist aus Amsterdam, Cees Nooteboom, hält die Geschehnisse in Reportagen und Berichten fest. Der junge Journalist ist zu einem berühmten Autoren geworden, seine Essays sind als Buch erschienen und erinnern an die wilden Zeiten in Paris.

3. Julia Kristeva: Fremde sind wir uns selbst, Suhrkamp 1990.
Julia Kristeva ist als Literaturtheoretikerin, Philosophin und Schriftstellerin eine der großen und wichtigen Einflussgeberinnen feministischer Theorie im 20. Jahrhundert. Doch so offensichtlich es auch wäre, bei Lea Lublin genau auf diesen Aspekt von Kristevas Schriften einzugehen, steht hier eines ihrer zahlreichen anderen Bücher im Mittelpunkt, das einen ebenso wichtigen Aspekt thematisiert.
In ihrem Buch »Fremde« sind wir uns selbst schreibt Kristeva eine Kulturgeschichte des Fremdseins von der Antike über die Frühe Neuzeit bis in die Gegenwart. Sie berücksichtigt dabei die griechische, die jüdische und die christliche Geschichte und geht auf psychologische Positionen ein. So schafft sie ein vielschichtiges Bild des Fremden und zugleich legt sie eine Definition des Gefühles des Fremdseins vor.
Lea Lublin, als Zweijährige mit ihren Eltern aus Polen nach Argentinien ausgewandert und in den 1960er Jahren aus Argentinien nach Frankreich, hat ein nationales Fremdsein sicher erlebt. Doch auch als Künstlerin unter Künstlern, musste sie sich in ihrer Rolle als Frau in einer Männerdomäne behaupten. Lublins künstlerische Ziele, aus einem Betrachter einen Partizipanten zu machen oder die Barriere zwischen Kunst und Publikum niederzureißen, zeigen ebenfalls Tendenzen sich mit Fremden zu beschäftigen und Neues, Unbekanntes zuzulassen. Kristevas Text ist eine Anregung sich nicht nur theoretisch mit dem Thema zu befassen, sondern – vielleicht auch unter den aktuellen politischen Umständen – das Gefühl des Fremdseins in sich selbst zu finden, denn „Fremde sind wir uns selbst“.

4. Rainer Werner Fassbinder: Angst essen Seele auf, D 1974.
Rainer Werner Fassbinder schuf 1974 mit »Angst essen Seele« auf ein Remake von Douglas Sirks us-amerikanischem Melodram »Was der Himmel erlaubt« aus den 1950er Jahre. Den roten Faden beider Erzählungen bilden die gesellschaftlichen Vorgaben, nach denen eine Frau zu leben hat und was passiert, wenn sie sich diesen entbindet.
Fassbinders Protagonistin Emmi ist über 60, verwitwet, arbeitet als Putzfrau und bekocht in ihrem kleinbürgerlichen Milieu noch gelegentlich ihre sie bevormundenden erwachsenen Kinder. Dann begegnet sie dem um einige Jahre jüngeren Ali, einem türkischen Gastarbeiter und verliebt sich. Für sie scheint ihr Leben nochmal eine positive Wendung genommen zu haben, aber nun bekommt sie es mit Vorurteilen zu tun: Eine deutsche Frau fängt nichts mit einem Ausländer an; Eine verwitwete Frau in ihrem Alter verliebt sich nicht in einen jüngeren Mann. Ihre Kolleginnen beginnen Emmi zu meiden. Die Nachbarn grüßen nicht mehr. Ihre Kinder wenden sich ab. Sie passt nicht mehr in ihre Rolle und wird so zum gesellschaftlichen Außenseiter.
In ihrer Aktion »Dissolution dans l’eau« (1978) befasste sich Lea Lublin explizit mit stereotypen Frauenbildern und fragt: Ist die Frau ein unterlegenes Wesen? Ist die Frau eine Hure? Ist die Frau die Heilige Mutter? Ist die Frau die vom Mann Unterdrückte? Sie schrieb diese und weitere Fragen auf ein großes Banner und versenkte es in der Seine.
Mit Performances und Aktionen wurden die 1970er Jahren zum Höhepunkt der feministischen Kunst. Gegen ein stereotypes Frauenbild und festgelegte Rollenzuschreibungen durch die Medien wehrte sich zeitgleich die gerade aufgekommene feministische Filmkritik und Filmforschung. Mit Angst essen Seele auf lieferte Fassbinder eine kritische Auseinandersetzung mit dem kleinbürgerlichen Frauenbild und schuf damit eine sehenswerte Ausnahme.

5. Thomas Girst: The Duchamp Dictionary, Thames & Hudson 2014.
Lea Lublin hätte ihre wahre Freude mit Thomas Girsts »Duchamp Dictionary« gehabt. Ende der 1980er Jahren begann Lublin sich mit Duchamp zu beschäftigen. Sie war gerade auf dem Flug von Frankreich nach Argentinien und las zufällig über Duchamps Aufenthalt in Buenos Aires. Beinah wie besessen begann sie sich mit dem Großmeister der französischen Avantgarde auseinanderzusetzen.
Sie begab sich in Buenos Aires unmittelbar auf die Spuren von Duchamp und suchte die Wohnung auf, in der der Ready-Made-Künstler von 1918 bis 1919 gewohnt hatte. Sie stellte fest, dass die Wandfarbe der Wohnung fast identisch ist mit Duchamps Arbeit Fresh Widow (1920). Eine Fensterreplika, die der Künstler in New York anfertigen ließ und die sich sogar in ihrer Form auf die Fenster in seiner argentinischen Wohnung beziehen könnte. Auch studierte Lublin die Tageszeitung La Nación, die Duchamp regelmäßig gelesen haben soll. Sie stieß auf die Anzeige für ein Limettensaftkonzentrat mit dem Namen Rose’s Lime Juice. Sollte diese Anzeige die Inspiration für Duchamps weibliches Alter Ego ROSE Selavy gewesen sein? Diese Hypothesen verarbeitete Lublin selbst zu Kunstwerken, in Form von Leuchtkästen und Fotografien. Bei ihrem letzten Besuch in Buenos Aires entwendete sie sogar Duchamps Briefkasten und rettete ihn damit vermutlich vor dem vollkommenen Verfall.
Ihre Obsession zeigt, wie intensiv Lublins Interesse an Duchamp war. Und es bleibt die Frage offen, welchen Begriff die Künstlerin als erstes im Duchamp Dictionary nachgeschlagen hätte. Buenos Aires? Rrose Selavy? Victor? Windows?

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Monika Bayer-Wermuth ist wissenschaftliche Volontärin am Lenbachhaus.

Veröffentlicht am 27. August 2015

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